Adventure Interview mit Christian Stangl

Christian Stangl in der Antarktis Bergführer

Julia: Hallo Gerhard! Schön, dass du heute online dabei bist und uns von deinem bisher größten Abenteuer. Zu Beginn wäre es super, wenn du dich kurz vorstellen könntest. 

Mein Name ist Christian Stangl, ich bin in der Obersteiermark geboren und wohne seit 25 Jahren hier in Admont. Ich bin ursprünglich Elektrotechniker in Österreich und Libyen gewesen. Mit 35 Jahren hatte ich dann erst mal genug davon und beschloss ein Jahr lang nur Bergzusteigen, da ich das schon immer gern gemacht habe. Währenddessen bin ich dann in die professionelle Bergsteiger-Szene hineingerutscht und wurde 14 Jahre lang von verschiedensten Firmen als Profi-Bergsteiger gesponsert. Heute bin ich Bergführer und biete verschiedenste Kurse zum Bergsteigen und Klettern an.

Julia: Wann hast du mit dem Bergsteigen begonnen?

Das hat bei mir schon mit 2 Jahren gestartet. Früher war das unsere Wochenendbeschäftigung als Familie, aber für mich als Kind war es oft weniger interessant. Mit 14 habe ich dann begonnen selbstständig bergzusteigen und zu klettern. Das hat mich dann auch bis ich 35 Jahre alt war begleitet, als ich mich dazu entschlossen habe Vollzeit die Welt zu bereisen und Berge zu besteigen.

Julia: Was hat Abenteuer für einen Stellenwert in deinem Leben?

Abenteuer war für mich immer schon spannend und super interessant. Mittlerweile ist das Bergsteigen allgemein weniger abenteuerlich geworden, da viele Touren schon bis ins Detail durchgeplant sind. Eines meiner größten Abenteuer war beispielsweise die Durchquerung der Atacama Hochwüste in Südamerika. Da bin ich aufgebrochen und wusste, dass ich jetzt ein Monat lang nur in eine Richtung gehen werde und nichts im Voraus planen konnte. Das hat zuvor noch nie jemand gemacht und das war für mich ein richtiges Abenteuer. Dort ist man auf 5.000 hm unterwegs und obwohl es eine Wüste ist, schneit es dort auch. Dadurch hatte ich dann auch immer Trinkwasser.

Bevor ich in dieses Abenteuer gestartet bin, wusste ich gar nicht was mich erwartet. In den ersten Tagen hab ich mich schon manchmal gefragt ob ich nicht doch umkehren sollte – aber irgendwann ist man so im Abenteuer drin, dass die Angst verschwindet und man sich treiben lässt. Für mich ist diese Ungewissheit das, was ein richtiges Abenteuer ausmacht.

Julia: Hattest du noch mehr solcher Abenteuer?

Ja ich habe im März 2018 eine Erstbegehung in den Anden gestartet, das war der Südgrat von Sierra du Mara. Dort kletterte ich auf einen 6.800 Meter hohen Berg, der vorher noch nie bestiegen wurde. Dabei ist jeder Meter ein Geheimnis und jeder Gedanke, den du hast, dreht sich nur um das Abenteuer vor dir. Was mir dabei auch gefällt ist, dass ich währenddessen zu 100% für mich selbst verantwortlich bin. Es ist zwar gefährlich zu wissen, dass im Ernstfall jede Hilfe zu spät wäre, aber für mich macht es genau das spannend: etwas abseits der gesellschaftlichen Absicherung zu unternehmen. Da bin ich komplett frei in meinem Tun.

Julia: Was für Gedanken bestärken dich vor so einem Abenteuer, wenn du nicht weißt wie es ausgeht?

Bei dieser Erstbegehung 2018 hat mich das Gefühl gestärkt, dass ich der Erste bin, der das macht. Und das gibt mir volle Motivation und macht mir den größten Spaß. Ich war damals 10 Tage lang allein unterwegs und bin auch auf keine menschlichen Spuren gestoßen.

Julia: Ich habe in einem anderen Interview gehört, dass diese Stille, die einen umgibt, in manchen Situationen doch ziemlich laut werden kann, wie ist das für dich?

Mein Conclusio dieser 10 Tage oder meinen 34 Tagen allein in der Hochwüste ist, dass ich mit mir selbst sehr gut auskomme. In den ersten Tagen ohne Kontakt zur Außenwelt hat man immer ein komisches Gefühl, da muss man zuerst durch die Entwöhnungsphase, aber danach habe ich es immer genossen. Obwohl ich völlig allein war, hatte ich trotzdem gute und schlechte Tage. Und das ist schon spannend, dass man die eigene Stimmungslage dann nicht auf jemand anderen projizieren kann. Das war ein Monat gratis Schweigekloster - für diese Erfahrung bezahlen andere Leute viel Geld (lacht).

Julia: Heute soll es natürlich um dein größtes Abenteuer gehen: die Besteigung der Triple Seven Summits, also das Erklimmen der drei höchsten Berge aller Kontinente. Kannst du uns darüber etwas erzählen?

Ja das war mein bisher größtes Projekt und ging über 7 Jahre hinweg. Dafür wurde ich auch mehrfach ausgezeichnet und ich bin noch immer der einzige Mensch, der das geschafft hat. So schnell wird mir das auch keiner nachmachen, vor allem durch Corona und politische Geschehen wird das schwierig werden.

 

Julia: Und wie bist du auf die Idee gekommen, war das von Anfang an dein Plan oder hat sich das so entwickelt mit der Zeit?

Das hat sich so entwickelt. Weil eigentlich habe ich meine Karriere mit Skyrunning gestartet, das habe ich so getauft. Ich wollte einfach die höchsten Berge der Erde so schnell wie möglich belaufen, also ohne Zwischenlager in einem durch. Ich war ein Sportler mit sehr hohen Ansprüchen.

Anmerkung: Christian hält Geschwindigkeitsrekorde auf Aconcagua (4 h 25), Elbrus (5 h 18) und Mountain Vinson (9 h 10).

Allerdings habe ich gemerkt, dass auch sehr gute Sportler nachkommen und mir die Rekorde wieder wegnehmen. Also habe ich begonnen, die höchsten 7 Summits der Erde zu besteigen. Dabei habe ich herausgefunden, dass die zweithöchsten Berge der Welt noch nicht von einer Person bestiegen wurden und wollte das gleich starten. Allerdings stellte sich das als gar nicht so einfach heraus, da die Literatur dazu so viele konträre Einträge hatte. Man war sich einfach nicht sicher, welcher Berg denn jetzt wirklich der zweithöchste ist. Deshalb habe ich dann beschlossen, die dritthöchsten Berge einfach auch gleich zu besteigen.

Und so wurde ich auch nebenbei zum Wissenschaftler, da ich einige Berge professionell vermessen habe. Dabei war auch die Uni Graz beteiligt, die mir ein Differential GPS zur Verfügung gestellt hat, um die Bergeshöhen genau zu ermitteln. Letztendlich habe ich dann anstatt der eigentlichen 21 Berge, insgesamt 29 Berge bestiegen, um wirklich sicher zu sein. Erst seit der Vermessung 2013 ist das Ranking endlich richtig gestellt worden, welcher Berg der höchste, zweithöchste und dritthöchste Berg ist. Eigentlich verrückt, dass wir im 21. Jahrhundert lebten und mir das keiner definitiv sagen konnte.

Beim dritthöchsten Berg von Ozeanien war ich der 8. Besteigende in der Geschichte. Um diesen Berg zu besteigen musste ich mir wirklich viel einfallen lassen. Das erste Mal hat sie mich die Polizei und das Militär aufgehalten und wieder nachhause geschickt. Sie haben mich sogar persönlich zum Flugzeug begleitet. Das nächste Mal gab ich mich dann als Schmetterlingssammler aus, um nicht wieder nachhause fliegen zu müssen. Deshalb war mein Grundsatz damals: wecke keine schlafenden Hunde! Denn wenn man das wirklich machen möchte, darf man nicht zu viel fragen oder auffallen.

 

Was auf dieser Reise in Ozeanien sehr spannend war, waren die vielen Stämme, die mir dabei begegnet sind. Ich brauchte gleich zwei Übersetzer mit, um Indonesisch, Englisch und die Sprache der Völker zu verstehen. Einmal sind wir in einer Höhle auf eines der aussterbenden Völker gestoßen und ich habe einen der Übersetzer hingeschickt, um sie zu fragen was sie hier machen. So warm war es dort nämlich nicht und sie waren einfach völlig nackt. Aber mein Übersetzer konnte sie einfach nicht verstehen, weil er deren Sprache nicht verstand. Dort sind so tiefe Schluchten innerhalb des Landes, sodass sich die verschiedenen Völker nie vermischt haben oder eine einheitliche Sprache entstand. Mich hat es damals wirklich fasziniert, wie resistent diese Völker auch sind. Die laufen dort ohne Gewand und Schuhe auf 3.000 Höhenmetern herum. Einmal hat uns ein kleiner Junge, nicht älter als 10 Jahre, tagelang ohne Schuhe auf unserer Bergtour begleitet. Der hat sogar im Regen geschlafen und sich von Dingen im Wald ernährt.

Julia: Würdest du sagen, dass die politischen Hürden bei deinem Projekt die Größten waren, oder gab es da noch welche, die du vorher noch nicht bedacht hast?

Ja, die Geldbeschaffung (lacht). Zu Beginn war ich ein Zweckoptimist und hab mir gedacht „das geht schon irgendwie“. Und ich glaube, das muss man auch sein, weil wenn man gleich am Anfang eines großen Abenteuers versucht alles durchzuplanen, dann wird man IMMER draufkommen, dass es theoretisch doch gar nicht umsetzbar ist.

Als ich zum Beispiel die ersten Seven Summits belaufen habe, musste ich zum Schluss noch in die Antarktis. Allerdings wusste ich nicht, wie ich in die Antarktis kommen sollte oder wo ich schnell 20.000-30.000 Euro herbekommen sollte. Und irgendwie waren die Sponsoren dann immer da. Insgesamt war ich 4x in der Antarktis, da kann man sich ausrechnen was ich für ein Vermögen dort gelassen habe.

 

Julia: Und welcher Augenblick ist dir bei deinem Abenteuer besonders in Erinnerung geblieben?

Das ist schwierig. Was mich bei dem Projekt fasziniert hat waren die unterschiedlichen Gegebenheiten beim Bergsteigen auf den verschiedenen Kontinenten. Einmal hatte ich Eis in der Antarktis und dann wieder Urwald in Ozeanien - das hat es aufregend gemacht. In der Antarktis muss man immer schauen, dass einem der Brennstoff nicht ausgeht, um das tiefgefrorenen Eis zu schmelzen und trinken zu können und in Papua hat es in Strömen geschüttet und ich musste aufpassen, dass zumindest mein Schlafsack trocken bleibt.

Julia: Aber wie bereitet man sich auf sowas vor? Wen befragt man dazu?

Viel Selbsterfahrung, im Groben kann man sich zwar informieren, aber im Detail nie. Bei meiner ersten Reise nach Papua ist wirklich viel schief gegangen und bei meiner zweiten Reise hatte ich dann schon top Gummistiefel von Bellaflora dabei (lacht). Ich musste auch auf die harte Tour lernen, dass sogar Käse, der etwas Wasser enthält, in der Antarktis steinhart gefriert. Aber je öfter man dort hinreist, desto mehr lernt man.

Julia: Haben die Besteigungen immer gleich beim ersten Mal funktioniert oder musstest du manche Berge öfter besteigen?

Manchmal hat es beim ersten Mal funktioniert und manchmal mussten wir bis zu 5 Mal hinfahren. Das war ganz unterschiedlich.

Julia: Welche 3 Sachen, würdest du anderen Abenteurern und Abenteurerinnen mitgeben?

#1 Einfach machen!

Wenn man im Leben zu lange überlegt, dann ist man plötzlich zu alt dafür. Man kann sowieso nicht alles planen. Bei meinem letzten Gipfel der Triple Seven Summits bin ich zum Beispiel einfach von mir zuhause in Admont mit dem Rad in den Kaukasus gefahren. Dann war ich halt 38 Tage mit meinem Rad und meiner Bergsteigerausrüstung unterwegs, habe den Berg bestiegen und bin dann wieder nachhause gefahren. So bin ich dann noch dazu zu einer Radtour am schwarzen Meer gekommen, macht man auch nicht jeden Tag.

 

#2 der Weg ist das Ziel

Wenn ich immer alles geplant hätte, wäre ich gar nicht fertig geworden, also bin ich einfach losgefahren. Das coole an solchen Abenteuern ist, dass die Reise dann genau so spannend ist wie der Berg selbst.

#3 aufgeschlossen sein gegenüber neuen Kulturen

Macht eure eigenen Erfahrungen mit fremden Kulturen und glaubt nicht alles was ihr von anderen hört oder lest.

 

Mehr über Christian Stangl findest du hier: www.bergfuehrer-stangl.com

Zertifikat Triple Seven Summits Christian Stangl Guiness World Record

 

 

 

 

 

 


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