Adventure Interview mit Marlies Czerny

Adventure Interview mit Marlies Czerny

Julia: Hi Marlies! Wir starten immer mit einer ganz einfachen Frage – und zwar: Wer bist du und was machst du?

Ich bin die Marlies, 34 Jahre, gebürtig aus Oberösterreich – wo ich im Moment daheim bin, ist aber nicht so eindeutig, ich lebe nämlich mit meinem Partner in einem Wohnmobil. Wir sind beide selbstständig und können daher also überall arbeiten. Ich bin freie Journalistin und mein Partner Andi ist Fotograf.

 

Julia: War das schon immer so? 

Nein, wir haben früher ganz „klassisch“ in einer Wohnung gelebt. Das hat sich alles immer erst Schritt für Schritt entwickelt – wie es so ist im Leben. Ich war 10 Jahre lang bei einer Zeitung als Redakteurin angestellt, irgendwann sind aber die Berge für mich immer wichtiger geworden. Ich habe mich dann mit dem Schreiben in Verbindung mit den Bergen selbstständig gemacht und irgendwann mussten wir aus unserer Wohnung ausziehen. Wir haben das als Wink des Schicksals empfunden und uns keine neue Wohnung gesucht, sondern sind von vier Wänden auf vier Räder umgestiegen. Für uns ist das eine gute Möglichkeit - wir waren immer schon viel und gern unterwegs und jetzt ersparen wir uns auch ganz viele Kilometer zwischen Arbeit, Büro und Zuhause.

 

 

Julia: Wie hat bei dir das Bergsteigen angefangen? Hat das schon als Kind begonnen oder wann hat sich das entwickelt?

Die Berge habe ich relativ spät entdeckt, da war ich circa 20 Jahre alt. Ich war da in der Situation, dass ich nicht genau wusste, was ich in meiner Freizeit tun möchte. Dieses Freizeitproblem war aber schnell gelöst, weil ich dann jede freie Minute draußen unterwegs war. Es ist also nie zu spät, etwas für sich zu entdecken!

 

Julia: Du hältst ja auch einen Rekord – vielleicht war das ja auch dein größtes Abenteuer – dass du 82 4.000er bestiegen hast. Wie hat sich das entwickelt – hast du irgendwann den Beschluss gefasst, dass du das machen möchtest, oder ist das eher passiert?

Geplant war das nie, sehr lange sogar nicht. Zum Ziel wurde das für mich nach ganz einer ganz langen Tour mit meinem Partner und meinem Papa. Da hat sich dann die Frage aufgetan, der wievielte 4.000er das jetzt war. Ich habe dann ein „4.000-er Büchlein“ zur Hand genommen und alle Berge durchgestrichen, auf denen ich schon war. Das waren dann 62 in 4 Jahren - trotz Vollzeit-Berufsleben. Da war ich dann zugegebenermaßen auch echt überrascht. Von einigen 4.000ern habe ich da zum ersten Mal gelesen und das war dann der Moment, in dem das für mich zum Ziel wurde.

Angefangen hat das jedoch ganz klein. Ich wollte halt einmal einen 4.000er versuchen. Das war dann im Endeffekt ein wunderschönes Erlebnis - wir sind da nach 2 Stunden aus dem Wolkenmeer geklettert und dann über diesem Wolkenmeer gestanden. Das Bild habe ich heute noch vor meinen Augen - es haben echt nur noch die höchsten Bergspitzen orange geleuchtet, wie kleine Inseln, und das Matterhorn war auch direkt vor uns. In diesem Moment habe ich mich selbst gefragt, was im Leben wirklich wichtig ist. Ich konnte auch das erste Mal erkennen, wie schön die Natur ist und wieviel Kraft uns das geben kann.

Ich habe dann auch gemerkt, dass ich mit jedem Schritt weiter weg von Daheim und weg vom Alltag immer mehr zu mir selbst gefunden habe. Dieses Gefühl wollte ich dann immer wieder mal haben.

 

 

 

Julia: Und jetzt ist das ja dein Beruf, oder? Du lebst ja den Traum, das Vollzeit machen zu dürfen.

Ich lebe sicher einen Traum. Aber nicht als Bergsteigerprofi. Ich verbringe wahrscheinlich mehr Zeit vor dem Laptop als auf den Bergen. Man stellt sich das vielleicht romantischer vor. Ich arbeite ganz normal als freie Journalistin und habe das Glück, dass ich das mit den Bergen gut verbinden kann.

 

Julia: Ist es für dich mal im Raum gestanden, als Bergsteigerin oder Bergführerin dein Geld zu verdienen?

Nein, eigentlich nicht. Das Schreiben war immer meine Leidenschaft und mein Beruf und ich finde es sehr schön, dass ich das mit den Bergen verbinden kann. Die Ausbildung zum Bergführer wäre sicher ein Wahnsinn, weil man da so viel lernen kann und es ist sicherlich eine total schöne Zeit, wenn man sich so intensiv mit den Bergen beschäftigt. Aber für mich war das eigentlich nie eine Option und ich wüsste auch nicht, ob ich da die Aufnahmeprüfung überhaupt schaffen würde (lacht) – beim Schifahren wird wirklich viel gefordert und ich habe erst mit 20 Jahren mit dem Schifahren angefangen. Es ist ja nie zu spät, etwas zu lernen.

 

 

 

Julia: Im Laufe der 4.000er - gab es da auch Touren, die nicht geglückt sind oder nicht auf Anhieb geglückt sind? Wenn ja, wie bist du damit umgegangen?

Davon hat es überraschenderweise wirklich wenig gegeben. Es waren nur zwei Touren, bei denen mehrere Anläufe notwendig waren – das wundert mich selbst auch. (lacht) Bei den 4.000ern kann ja so viel Unvorhergesehenes passieren. Bei den Touren, die nicht nach Plan funktioniert haben, war das jedoch immer eindeutig. Es ist nicht so leicht, immer die richtige Entscheidung zu treffen. Aber das Umdrehen ist nie die falsche Entscheidung und mir auch nie schwergefallen. Dennoch ist es wichtig, dass man sich sehr sicher ist, was man macht und sich dementsprechend vorbereitet - dann kann viel funktionieren.



Julia: Ich durfte auch bereits ein Adventure-Interview mit dem David Göttler führen. Der musste oft bei 8.000ern umdrehen, einmal sogar 20 Meter vor dem Gipfel. Er meinte, dass das zwar wehgetan hat, aber einfach dazugehört. Bei manchen Gipfeln ist er nur oben gestanden, weil er bei anderen gescheitert ist und dadurch so viel gelernt hat. Deine Gedanken dazu? (hier das Interview mit David Göttler nachlesen)

Dem kann ich nur zustimmen. Je mehr man vorher investiert – natürlich ist das bei den 8.000ern viel – desto schwieriger wird das Umdrehen.

2018 habe ich mit dem Andi gemeinsam einen 8.000er versucht. Da war es insofern so schwierig, weil wir nie eine Chance auf einen Gipfelversuch hatten. Wir haben uns akklimatisiert und waren bis auf 7.400 m. Zu diesem Zeitpunkt war der David Göttler übrigens auch dort, den haben wir da kennengelernt. Wir haben wochenlang auf ein Wetterfenster gewartet, weil man ja nur bei guten Wetterbedingungen aufbrechen kann. Aber die sind nicht gekommen. Das Warten an sich war fast noch härter als das Bergsteigen selbst, weil man es nicht in der eigenen Hand hat. Bei so großen Projekten wie 8.000ern, aber auch im Beruf - es gibt einfach oft Dinge, die man selbst nicht in der Hand hat. Diese zu akzeptieren und anzunehmen finde ich oft noch schwieriger, als selbst eine Entscheidung zu treffen. Ich glaube, man soll sich da gar nicht zu sehr auf ein Ziel versteifen. Das wichtigste ist, dass man wieder gut heimkommt, mit Erfahrungen und Erinnerungen im Gepäck. Der Gipfel ist da eher das i-Tüpfelchen. Es gibt halt einfach so viel mehr im Leben.

 

 

 

Julia: Ist Bergsteigen für dich eher eine körperliche oder psychische Challenge? Welche Gedanken bestärken dich vor Touren, dass du sie durchziehst und wie gehst du mit Selbstzweifel um?

Das allerwichtigste ist, dass man es wirklich machen will. Alles was man gern macht, macht man gut und auch mit einer gewissen Leichtigkeit. Auch wenn’s dann schwierig wird, kann man viel aus sich selbst herausholen, weil man sich selbst dafür entschieden hat. Wenn der Grat schmal wird, muss man einfach fokussiert bleiben und sich auf den nächsten Schritt konzentrieren. Ich finde es außerdem wichtig, dass man Partner an seiner Seite hat, mit denen man das erreichen will. Zusammen geht dann nochmal viel mehr.

Bezüglich Selbstzweifel – die darf man haben, das ist absolut menschlich. Aber wenn man auf die innere Stimme hört, dann weiß man schon, auf welchem Weg man ist, und ob das gut ist. Natürlich darf sich auch mal verirren und Fehler machen, das gehört dazu. Wichtig ist, dass man wieder „in sich rein spürt“, sich neu ordnet und dann weitergeht. Das ist auch eine große Parallele zum Leben – man wird immer wieder vor große Herausforderungen gestellt und das Leben ist ständige Veränderung. Das ist mir wichtig, dass ich das verinnerlicht habe. Es ist immer ein Prozess, es geht weiter und manchmal kommt man zu Kreuzungen. Und das schöne ist dann, dass man frei entscheiden kann, in welche Richtung man weitergeht.

 

Julia: Mit dem richtigen Partner geht vieles – welche Eigenschaften sind beim Adventure-Buddy wichtig bzw. was ist dir bei einem Partner wichtig? 

Mittlerweile sind mir andere Eigenschaften wichtiger als früher. Ich war früher auch manchmal mit Leuten unterwegs, die ich gerade einmal im Internet kennengelernt habe. Das würde ich heute nicht mehr machen, besonders bei schwierigen Touren. Aber ich möchte die Zeit auch nicht missen. Die Verantwortung liegt in der Situation wirklich bei einem selbst, weil man die Verantwortung nicht so einfach an jemand anderen abgeben kann.

Jetzt unternehme ich die meisten Touren mit meinem Partner Andi, da wir ja meistens gemeinsam mit dem Bus unterwegs sind. Das ist irrsinnig schön, weil man sich da richtig gut kennenlernt und auch schon blind versteht. Man spürt schon nur durch die Bewegung des Seils bereits was beim anderen los ist, da muss man nicht laut herumbrüllen. Das weiß ich jetzt extrem zu schätzen. Aber es ist auch immer schön, wenn man Erlebnisse mit verschiedenen Leuten teilen kann. Man soll sich jedoch dennoch jemanden suchen, mit dem man sich gut versteht oder sogar blind versteht. Kommunikation ist da essenziell, und auch, dass man dieselben Erwartungen, dasselbe Risikoempfinden oder auch dasselbe Tempo hat. Die kleinsten Touren können zu den tollsten Erlebnissen werden, wenn man sie mit den richtigen Menschen teilt. Ich mache auch wirklich nur noch Touren mit Menschen, mit denen gerne Zeit verbringe. Das ist letztendlich das wichtigste - eine gute Zeit zu haben.

 

 

Julia: Zum Abschluss – deine 3 Tipps für das perfekte Abenteuer!

#1 Erwarte das Unerwartete.

Abenteuer passieren erst dann, wenn etwas eintritt, das man nicht planen konnte. Außerdem ist es wichtig, keine zu hohen Erwartungen zu haben. Das ist jedoch nie einfach, wenn man große Träume hat – auch für mich nicht. Aber ohne zu große Erwartungen schätzt man meist die kleinen Dinge mehr. Und diese kleinen Momente machen im Endeffekt ja das große Ganze aus.

 

#2 Die Freiheit des einzelnen hört da auf, wo die Freiheit des anderen beginnt.

Wir haben einfach eine gewisse Verantwortung anderen Menschen gegenüber. Ich finde es wichtig, dass man mit Respekt unterwegs ist. Abenteuer kann man ja auch überall finden. Natürlich ist das Reisen großartig, aber man sollte dennoch immer auch mit einer gewissen Verantwortung unterwegs sein und auf den ökologischen Fußabdruck schauen. Man kann auch vor der Haustüre viele Abenteuer erleben.

 

#3 Die Partnerwahl ist für jedes Abenteuer essenziell.  

Wenn man einen Partner hat, kann ein Erlebnis noch viel intensiver werden und man hat jemanden, mit dem man auch in 10 Jahren noch drüber reden kann. Das schweißt einen zusammen. Und die Ausbrüche aus dem Alltag füllen das Leben mit „Leben“.

 

Julia: Vielen lieben Dank!


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